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Die Maschinen laufen wieder. Nachdem mich verschiedene Dinge, erst das Studium, dann die Technik, dann die Faulheit, versuche ich jetzt hier wieder meine neusten oder auch erstmal weniger neuen Film und andere Eindrücke zu archivieren.
Das erste Review ist schon ein paar Tage alt und wurde erstmals bei uns in der Unizeitung (NU) veröffentlicht, deshalb ist es etwas kürzer als üblich, auch wenn ich es noch einmal ein wenig überarbeitet habe.
Auf der anderen Seite
Fatih Akin ist schon lange kein Unbekannter mehr in deutschen Filmgeschäft und sollte spätestens nach seinem letzten und mehrfach ausgezeichneten Spielfilm „Gegen die Wand“ den meisten Kinogängern ein Begriff sein. Auch in seinem neuen Film „Auf der anderen Seite“, beschäftigt sich der deutsch/türkische Hamburger wieder mit dem Leben zwischen zwei Kulturen. Der Film ist nach eigenen Angaben, der zweite Teil, seiner Trilogie um „Liebe, Tod und Teufel“ und auch auf dem Weg „Gegen die Wand“, was die Auszeichnungen anbetrifft zu folgen, hat er schon in Canne und beim Europäischen Filmpreis den Drehbuchpreis gewonnen und ist im Gespräch für eine Oskar Nomienierung.
Die Geschichte besteht aus zwei Handlungssträngen, die überraschend konventionell, aber deshalb nicht weniger kunstvoll, miteinander verwoben sind und sich nicht auf das heutige kreuz-und-quer-Montieren einlässt, das seit Pulp Fiction unheimlich in Mode ist. Der erste Handlungsstrang handelt von dem Germanistik Professor Nejat Aksu, gespielt von Baki Davrak und dessen Vater Ali Aksu (Tuncel Kurtiz), der die Prostituierte Yeter Öztürk (Nursel Köse) überzeugen kann, bei ihm einzuziehen und nur noch für ihn da zu sein. Die Beziehung steht unter keinem guten Stern und nachdem Ali Yeter im Suff erschlagen hat, begibt sich Nejat, zu tiefst enttäuscht von seinem Vater, in der Türkei auf die Suche nach Yeters Tochter Ayten Öztürk (Nurgül Yesilçay), um dieser ihr Studium zu bezahlen, für das bisher die Mutter aufgekommen ist. Und irgendwie bleibt der in Deutschland voll integrierte Türke in der Türkei und einem deutschen Buchladen hängen.
Die zweite Geschichte handelt von eben dieser von Nejat gesuchten Tochter. Ayten ist in der Türkei eine politische Aktivistin, als ihre Widerstandsgruppe von der Polizei festgenommen wird, flieht sie nach Deutschland und versucht dort unterzutauchen. In einer dieser wunderbar leichten Momente des Films verliebt sie sich in die Deutsche Lotte Staub. Als Ayten wieder in die Türkei abgeschoben wird folgt sie ihr und die Geschichten fallen auf brutale Weise zusammen, ohne dabei wie eine schlechte Kopie von Alejandro González Iñárritu (Amores perros, 21 Gramm, Babel) zu wirken.
Das Handeln fast aller Charaktere ist von der Emanzipation, innerhalb der eigenen Kultur, bestimmt und Akin gibt seinen Figuren die Freiheit ihr Leben selbst zu gestalten, er gibt dabei keine einfachen Antworten, sondern wird der Komplexität des Lebens, erst recht zwischen zwei Kulturen, immer gerecht. Am deutlichsten wird dieses Motiv wohl bei Ayten und Lotte, die eine, die sich mit und in ihrer Rolle als politische Aktivistin behaupten muss, und die andere, die auch gegen den Willen ihrer Mutter nicht nur zusehen kann und helfen will. Aber auch umgekehrt greift das Schema der Emanzipation, war Nejat in Deutschland, das was man perfekt integriert nennt, die Traumvorstelllung eines jeden Innenministers, erwacht bei ihm während seiner Türkeireise ein tiefes Heimatgefühl und auch er bricht aus seiner alten Rolle als Professor aus.
War „Gegen die Wand“ von einem wilden, aber sehr intimen Geist geprägt, geht Akin in „Auf der anderen Seite“ eher distanziert, aber umso anmutiger an die Charaktere heran. Gerade in den persönlichsten Momenten hält die Kamera einen würdevollen, aber niemals kühlen Abstand, nie verliert der Film seine Menschlichkeit. Als Lottes Mutter Susanne Staub (Hanna Schygulla) vom Tod ihrer Tochter überwältigt wird, zieht sich die Kamera in die oberste Ecke ihres Hotelzimmers zurück und vermeidet trotz einer sehr überwachungskamera-ähnlichen Perspektive jeden Anflug von Voyeurismus.
Akin gelingt erneut ein ruhiger, liebevoller Film um „Liebe, Tod und Teufel“.
Auf der anderen Seite - Deutschland – 2007 – Regie: Fatih Akim; Buch: Fatih Akim; Kamera: Rainer Klausmann; Schnitt: Andrew Bird; Mit: Baki Davrak, Nursel Köse, Tuncel Kurtiz, Nurgül Yesilçay, Hanna Schygulla, Patrycia Ziolkowska