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Beiträge vom Dezember 2007

Reflektionen über die Worthülse Web 2.0

Dezember 13, 2007 · Kommentar schreiben

Ich hab es ja schon immer geahnt: Das WEB 2.0 ist ein großer Schwindel. Nicht in dem Sinne, dass es nicht existieren würde, wer diesen Blog ließt, befindet sich da, was man gemeinhin Web 2.0 nennt, aber in dem Sinne, was es sich dabei nur um einen großen Medienschwindel handelt.

Web 2.0 besagt ja primär vor allem, dass es sich um „user generated content“ also vom Nutzer erzeugte Inhalte handelt und das diese Inhalte miteinander verknüpft sind in „social networks“. Mir ist bewusst, dass das ganze etwas verkürzt dargestellt ist, aber der Einfachheit wegen muss das reichen.

Im Web 1.0 so lehrt das Lehrbuch wissen herrschte also, ähnlich wie in den klassischen Medien, eine Produktions Asymetrie, zwischen großen Firmen bzw. komplexeren Gebilden an Herausgebern und einzelnen Rezipienten, so dass auch die theoretisch vorhandene Möglichkeit des Rückkanals nicht genutzt wurde oder in seiner Wirkung, sich qualitativ nicht von einem gewöhnlichen Zeitungsleserbrief unterschied. Die Rezipienten waren den Kommunikatoren also so hilflos ausgeliefert, wie das in der „alten“ Medienlandschaft, zwischen Presse und Rundfunk der Fall gewesen war. Das war die traurige, graue Web 1.0 Welt, doch dann, dann kam das Web 2.0 und alles wurde anders.

Wirklich? Ganz anders? Alles neuer, bunter und schöner?

Versucht man das zeitlich zu fassen würde ich sagen, das gemessen an den Nutzerzahlen, die 1998 in Deutschland so um die 10% der Bevölkerung gelegen haben müsste, 1998 auf jeden Fall noch Web 1.0 war, von einer breiten Netzöffentlichkeit, kann selbst der enthusiastischste Web 2.0 Fanatiker nicht sprechen bei rund 10 % „Onlinern“ und was das wichtigste ist, der Begriff Web 2.0 existierte noch nicht, das Internet war schlicht noch nicht wirklich in der Bevölkerung angekommen. 1998 schreibt Werner Faulstich (Prof. für Medien und Öffentlichkeitsarbeit) in seinem Buch „Grundwissen Medien“ im Kapitel zu Medienpolitik, nachdem er die Wichtigkeit, einer freien Öffentlichkeit für die Demokratie betont und implizit rationale Medienpolitik gefordert hat, über Probleme „[...]in diesem Zusammenhang [bezüglich] Hoffnung auf neue Formen demokratischer Öffentlichkeit im Gefolge von Online-Medien, wie sie jüngst euphorisch immer wieder geäußert werden. Insbesondere das Internet mit den immer ncoh im AUfbau befindlichen Datenautobahnen erscheint als neuer Art von Gegenöffentlichkeit.“ Im Folgenden führt er dann die Probleme auf, die aus dem entstehen, was wir heute „Digital Devide“ nennen und den Relevanzproblemen durch übermäßige Fragementierung, also praktisch das, was auch heutige Web 2.0 Skeptiker immer wieder, nicht ganz zu unrecht wie ich finde, anbringen. Wenn man das ließt, fragt man sich doch, ob die Wortschöpfung Web 2.0 wirklich gerechtfertigt ist oder, ob es sich dabei nicht eher um ein tolles neues Marketing Wort handelt.

Außerdem ist die Fülle an Communityseiten, die von der Bedienung und der Ausrichtung zwar noch etwas anders waren, aber letztlich inhaltlich mehr hergemacht haben, als heutige Web 2.0 Wunder wie studiVZ. Anzuführen ist hier z.B. gulli.com, eine deutsche Seite, eine Geburt der deutschen Szene (soweit ich informiert bin), in gewisser Weise in den anfangs Tage nicht mehr als ein deutsches astalavista.com, im Jahr 2000 kam ein Board dazu und damit sollte man eigentlich von einer Community ausgehen können, auch wenn die alten Boards noch nicht so schön glänzten wie heutige Web 2.0 Portale.

Auch ein anderer Punkt, der aber in eine ähnliche Kerbe schlägt, unterstützt diese These. Kommen wir noch einmal auf die User des Jahres 1998 zurück, auch wenn ich dafür keine empirischen Daten habe, kann man doch davon ausgehen, dass diese 10 % der Bevölkerung, die „online“ waren, schätzungsweise in der Bedienung von Computern überdurchschnittlich kompetent waren, eine Annahme, die die „Hackerhomepage“ gulli.com noch unterstützt. Und es darf davon ausgegangen werden, dass auch ein nicht zu geringer Teil dieser Nutzer an dem erstellen der Inhalte beteiligt war, was zu gegebener Maßen damals noch etwas komplizierter war, als es heute ist, aber die damaligen User waren schließlich auch überdurchschnittlich kompetent auf dem Gebiet der Internetnutzung.

Dann kam der große Internetboom und die Nutzerzahlen sind rapide nach oben geschossen, auf ca. 60% im Jahr 2006 und mit diesem Boom kam es zu einem Phänomen, dass ich mal die Kompetenzschere nenne. Die Massen an neuen Usern waren schlicht nicht in der Lage ihre eigenen Inhalte ins Netz zu stellen, weil es für sie noch zu umständlich und bedienungsunfreundlich war, technisch war es genauso möglich wie heute, nur das die Bandbreite Videosharing und ähnlichem sicher einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Durch die aufklaffende Kompetenzschere ist also der relative Anteil an user-generated Content abgefallen. Hinzukommt eine Zunahme an privat-kommerziellen Inhalten a la web.de (auch wenn es das bestimmt schon deutlich früher gab, aber damit klar ist, was ich meine) und langsam auch Firmenpräsenzen etc. Was zu einer relativ großen Asymetrie zwischen „privat-kommerziellem“ und „user-generated“ Inhalten führte. Nach dem Platzen der Dot.Com-Blase änderte sich die Situation vor allem auf zwei Ebenen, der Benutzerfreundlichkeit der Software (auch oder gerade der Serverseitigen) und der Bandbreite, was typische Web 2.0 Phänomene wie Podcasts, Flikker und YouTube erst möglich bzw. praktikabel machte. Dieser Gewinn an Benutzerfreundlichkeit vermochte den Verlust an Kompetenz auszugleichen, der durch den explosiven Anstieg an Nutzern einhergegangen war, so dass sich der relative Anteil von user-generated Content wieder erhöhen konnte. Die Explosion an Blogs und Öffentlichkeit, die die Netzszene, die, wie gezeigt, kein wirklich neues Phänomen ist, registriert hat, ist außerdem auch den von der Blogsphäre so verhassten klassischen Medien zu verdanken, weil sich ein medialer Hype um Blogs u.ä. aufgetan hat, während einer allgemeinen Interneteuphorie und zugegebener Maßen spektakulären Berichten z.B. aus dem Irakkrieg.

Dem Punkt der Asymetrie zwischen Kommunikator und Rezipient kann man noch entgegen halten, dass heute viele der großen Plattformen wie StudiVZ auch nicht ger ade die Götter einer solidarischen OpenSource Gesellschaft sind. Und das der Podcast natürlich auch einen vollkommen unkommerziellen Namen trägt. Und Kommunikation auf einer Ebene war früher in Foren und in der alten Netzgesellschaft schließlich auch schon möglich.

Ich bezweifele nicht, dass das Internet an Bedeutung gewonnen hat für die öffentliche Meinung, aber das Fernsehen hat in den späten 50er und 60er Jahren auch sehr an Bedeutung für die öffentliche Meinung gewonnen und obwohl es erste Fernsehprogramme schon in den 30er Jahren gab, sprechen wir heute nicht von TV 2.0 oder in unserer Zeit wohl eher von TV 5.0. Und natürlich fehlen dem Fernsehen praktisch alle Eigenschaften dessen, was heute Web 2.0 genannt wird, aber das Fernsehen hat genauso wenig eine qualitative Veränderung im Dispositiv durch gemacht, wie das Internet oder Web 1.0. Der Unterschied des Web 2.0 zum Web 1.0 lässt sich meiner Meinung nach auf die natürliche technische Weiterentwicklung des Mediums zurück führen in Punkto Benutzerfreundlichkeit und Zugangsmöglichkeit bzw. Bandbreite, nicht auf eine im engeren Sinne qualitative Veränderung des Mediums.

Man kann diese Theorie vielleicht wegen nicht ganz korrekter Daten kritisieren, aber ich sage, die genau Datierung spielt nicht wirklich eine Rolle, das frühe Internet, war ein privater Klub erst von Militärs, dann von Wissenschaftlern und IT-Fachleuten, das Internet fand, ich sag mal, vor 1992 in der (deutschen) Öffentlichkeit absolut nicht statt. Für andere Weltgegenden wie die USA muss dieser Zeitplan überhaupt nicht stimmen, mit den Nutzerzahlen von dort kenne ich mich gar nicht aus.

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Neues im Fall Claus Kleber, Absage an den Spiegel

Dezember 12, 2007 · 2 Kommentare

Wie so eben auf heute.de bekannt geben, bleibt Claus Kleber beim ZDF, er spricht sich wie er sagt nicht gegen das Print-Medium Spiegel, sondern „für das beste TV-Magazin“. Er wird also nicht Spiegel Chefredakteur, auch wenn er sich die Aufgabe nach eigenen Angaben zu getraut hätte. Ich denke, nur das Medium wird es allerdings nicht gewesen sein, dass ihn beim ZDF gehalten hat, schließlich hätte ihm beim Spiegel nach Informationen von tagesschau.de eine doppelt so hohes Gehalt gewinkt, das ZDF wird seinen Vertrag schätzungsweise um ein gutes Stück verbesser haben.

Für mich klingt diese Argumentation schlüssig, Kleber machte nie einen Hehl aus seiner Freude an Fernseh-Reportagen und den TV-Journalismus. Ich persönlich freue mich über diese Entscheidung, Kleber ist in seine Rolle als Chef des heute journals gut herein gewachsen und, Schieflage hin oder her, ich finde er macht seine Sache gut.

Man kann jetzt also gespannt sein, auf wen der Spiegel zurück greifen wird und wer sich darauf einlässt, so offensichtlich zweite Wahl zu sein und ob sich FR Chefredakteur Uwe Vorkötter oder sogar Zeit Chefredakteur Giovanni di Lorenzo dazu bereit erklären, liegt wohl in den Sternen. Man kann das ZDF also beglückwünschen, einen so fähigen Journalisten gehalten zu haben und dem Spiegel Glück wünschen auf der Suche nach einem neuen Chefredakteur.

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In eigener Sache / Auf der anderen Seite – Deutschland 2007

Dezember 11, 2007 · Kommentar schreiben

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Die Maschinen laufen wieder. Nachdem mich verschiedene Dinge, erst das Studium, dann die Technik, dann die Faulheit, versuche ich jetzt hier wieder meine neusten oder auch erstmal weniger neuen Film und andere Eindrücke zu archivieren.

 Das erste Review ist schon ein paar Tage alt und wurde erstmals bei uns in der Unizeitung (NU) veröffentlicht, deshalb ist es etwas kürzer als üblich, auch wenn ich es noch einmal ein wenig überarbeitet habe.

Auf der anderen Seite 

 

Fatih Akin ist schon lange kein Unbekannter mehr in deutschen Filmgeschäft und sollte spätestens nach seinem letzten und mehrfach ausgezeichneten Spielfilm „Gegen die Wand“ den meisten Kinogängern ein Begriff sein. Auch in seinem neuen Film „Auf der anderen Seite“, beschäftigt sich der deutsch/türkische Hamburger wieder mit dem Leben zwischen zwei Kulturen. Der Film ist nach eigenen Angaben, der zweite Teil, seiner Trilogie um „Liebe, Tod und Teufel“ und auch auf dem Weg „Gegen die Wand“, was die Auszeichnungen anbetrifft zu folgen, hat er schon in Canne und beim Europäischen Filmpreis den Drehbuchpreis gewonnen und ist im Gespräch für eine Oskar Nomienierung.

Die Geschichte besteht aus zwei Handlungssträngen, die überraschend konventionell, aber deshalb nicht weniger kunstvoll, miteinander verwoben sind und sich nicht auf das heutige kreuz-und-quer-Montieren einlässt, das seit Pulp Fiction unheimlich in Mode ist. Der erste Handlungsstrang handelt von dem Germanistik Professor Nejat Aksu, gespielt von Baki Davrak und dessen Vater Ali Aksu (Tuncel Kurtiz), der die Prostituierte Yeter Öztürk (Nursel Köse) überzeugen kann, bei ihm einzuziehen und nur noch für ihn da zu sein. Die Beziehung steht unter keinem guten Stern und nachdem Ali Yeter im Suff erschlagen hat, begibt sich Nejat, zu tiefst enttäuscht von seinem Vater, in der Türkei auf die Suche nach Yeters Tochter Ayten Öztürk (Nurgül Yesilçay), um dieser ihr Studium zu bezahlen, für das bisher die Mutter aufgekommen ist. Und irgendwie bleibt der in Deutschland voll integrierte Türke in der Türkei und einem deutschen Buchladen hängen.

Die zweite Geschichte handelt von eben dieser von Nejat gesuchten Tochter. Ayten ist in der Türkei eine politische Aktivistin, als ihre Widerstandsgruppe von der Polizei festgenommen wird, flieht sie nach Deutschland und versucht dort unterzutauchen. In einer dieser wunderbar leichten Momente des Films verliebt sie sich in die Deutsche Lotte Staub. Als Ayten wieder in die Türkei abgeschoben wird folgt sie ihr und die Geschichten fallen auf brutale Weise zusammen, ohne dabei wie eine schlechte Kopie von Alejandro González Iñárritu (Amores perros, 21 Gramm, Babel) zu wirken.

Das Handeln fast aller Charaktere ist von der Emanzipation, innerhalb der eigenen Kultur, bestimmt und Akin gibt seinen Figuren die Freiheit ihr Leben selbst zu gestalten, er gibt dabei keine einfachen Antworten, sondern wird der Komplexität des Lebens, erst recht zwischen zwei Kulturen, immer gerecht. Am deutlichsten wird dieses Motiv wohl bei Ayten und Lotte, die eine, die sich mit und in ihrer Rolle als politische Aktivistin behaupten muss, und die andere, die auch gegen den Willen ihrer Mutter nicht nur zusehen kann und helfen will. Aber auch umgekehrt greift das Schema der Emanzipation, war Nejat in Deutschland, das was man perfekt integriert nennt, die Traumvorstelllung eines jeden Innenministers, erwacht bei ihm während seiner Türkeireise ein tiefes Heimatgefühl und auch er bricht aus seiner alten Rolle als Professor aus.
War „Gegen die Wand“ von einem wilden, aber sehr intimen Geist geprägt, geht Akin in „Auf der anderen Seite“ eher distanziert, aber umso anmutiger an die Charaktere heran. Gerade in den persönlichsten Momenten hält die Kamera einen würdevollen, aber niemals kühlen Abstand, nie verliert der Film seine Menschlichkeit. Als Lottes Mutter Susanne Staub (Hanna Schygulla) vom Tod ihrer Tochter überwältigt wird, zieht sich die Kamera in die oberste Ecke ihres Hotelzimmers zurück und vermeidet trotz einer sehr überwachungskamera-ähnlichen Perspektive jeden Anflug von Voyeurismus.

Akin gelingt erneut ein ruhiger, liebevoller Film um „Liebe, Tod und Teufel“.

Auf der anderen Seite - Deutschland – 2007 – Regie: Fatih Akim; Buch: Fatih Akim; Kamera: Rainer Klausmann; Schnitt: Andrew Bird; Mit: Baki Davrak, Nursel Köse, Tuncel Kurtiz, Nurgül Yesilçay, Hanna Schygulla, Patrycia Ziolkowska

Kategorien: Film