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Beiträge vom Oktober 2007

Ein fliehendes Pferd – Deutschland 2007

Oktober 3, 2007 · 2 Kommentare

Die Verfilmung von Martin Walsers gleichnamigen Roman hat für ziemlich viel Wirbel in den diversen Medien gesorgt. Der Autor selbst zufrieden, die Süddeutsche spricht von Klamauk und ist eher enttäuscht, der Rest der professionellen und Amateur Kritiker ist ebenso gespalten. Mit Literaturverfilmungen ist das ja so eine Sache und umso beliebter das Buch ist umso schwieriger hat es der Film, das ist schon einmal die erste Spannung, die andere ist dann, wie weit sich der Film von dem Buch entfernen darf und wie gut es ihm gelingt. Da zeigt sich das Dilemma besonders, weil ein Film, der sich zu sehr ans Buch hält, wird nie eigenständig als Film funktionieren, sondern stets wie eine schlechte Kopie des Originals wirken. Es gibt Filme die relativ nah am Buch liegen, aber trotzdem genial sind als Film Leander Hausmanns (Sonnenallee) „Herr Lehmann“, auf der Vorlage des gleichnamigen Romans von Sven Regner, ist so ein Fall. „Per Anhalter durch die Galaxis“ ist ein Film, der mit der Buchvorlage fast nichts mehr zu tun hat, aber immer noch blendend funktioniert, was vielleicht daran liegt, dass Douglas Adams auch am Drehbuch beteiligt war und es von der Geschichte ohnehin keine finale „echte“ Fassung gibt, sondern viele verschiedene.
Wie sich das Problem der Romantreue in „Ein fliehendes Pferd“ ist, kann ich leider nicht beurteilen – da ich das Buch nie gelesen habe -, aber ich werde versuchen darzulegen ob dieser Film denn als Film funktioniert.

Helmut (Ulrich Noethen) und Sabine (Katja Riemann) machen Urlaub am Bodensee, wie seit 12 Jahren im selben Ort, und haben sich eigentlich nichts mehr zu sagen. Mitten in diese spießige Urlaubstristesse platzt Helmuts alter Schulkamerad Klaus Buch (Ulrich Tukur); der ist „independent“ und hat ein um einige Jahre jüngere Freundin, Helene (Petra Schmidt-Schaller). Helmut ist ein introvertierter Lehrer, der sich nicht einmal ins Wasser traut, weil er es nicht leiden kann, wenn er den Grund nicht mehr sieht. Sabine ist dankbar für die Abwechslung und spätestens nach der Szene, die dem Film und dem Buch ihren Namen gibt vollkommen begeistert von Klaus. Helene, oder Hell, ist das naive Element in der Geschichte, die Helmut mit mehr oder weniger plumpen Anspielungen eindeckt, ihn ziemlich freizügig massiert, seine Annäherungsversuche dann aber abtropfen lässt. Uns Klaus ist der Lebemann, der mit aller Kraft versucht Helmut aus seinem Trott herauszureißen. Er provoziert Helmut mit erfunden (?) Jugendstorys und schmeißt sich an Sabine ran, die es gerne mit sich machen lässt. Aus dieser Situation entspinnt sich eine Geschichte um das Ausbrechen aus dem Alltagstrott, aus dem bekannten Fahrwasser, die irgendwann scheinbar vollkommen aus dem Ruder läuft.

Die von der SZ prognostizierte Nähe zum Klamauk ist nicht so weit her geholt, dass muss man schon zu geben. Besonders die Figur der Helene, die immer wieder mit Kommentaren wie, „sie kennen sich aber gut aus mit Vögeln“, auf sich aufmerksam macht, ist nicht gerade das, was man als intellektuelles Genie bezeichnen würde. Aber in ihrer fast grenzenlosen Naivität besitzt sie die Ehrlichkeit, die den anderen „erwachseneren“ Figuren vollkommen fehlt. Nur in wenigen Szenen können die Alten wirklich ehrlich zu einander sein, z.B. wenn Helmut im Rausch Klaus seine Seele ausleert.
Das mit der Ehrlichkeit ist ohnehin so eine Sache in der Film. Der Zuschauer erfährt nie genau, warum Klaus und Helene eigentlich in dem Urlaub auftauchen und ob das ganze wirklich nur ein Zufall ist. Und auch der Schluss trägt in dieser Frage nicht gerade zur Klärung bei. Die zwei bleiben auf jeden Fall ziemlich zwielichtig. Ganz anders Sabine und Helmut, die zwar von sich auch nicht behaupten können übermäßig ehrlich zu sein. Aber ihre Unehrlichkeit findet auf einer anderen Ebene statt, sie belügen nicht das andere Paar sondern sich gegenseitig, vielleicht nicht unbedingt mutwillig, aber doch konstant. Sie reden an einander vorbei, weichen einander aus und sprechen nie wirklich miteinander.

Wie weit sich das ganze jetzt am Buch orientiert kann ich, wie gesagt, nicht beurteilen, aber ich kann sagen, dass es als Film funktioniert. Trotz einiger kleiner Macken kann man durchaus von einem gelungenen Film sprechen. Auch wenn es kein Meisterwerk geworden ist, unterhält der „Kampf“ der zwei Männer auf ganzer Linie.

Ein fliehendes Pferd -  Deutschland – 2007 - Regie: Rainer Kaufmann; Buch: Ralf Hertwig, Kathrin Richter; Buchvorlage: Martin Walser; Kamera: Klaus Eichhammer; Schnitt: Christel Suckow; Mit: Ulrich Noethen, Ulrich Tukur, Katja Riemann, Petra Schmidt-Schaller

Kategorien: Film